Autor Thema: Russland als Kolonialmacht  (Gelesen 7106 mal)

nikioko

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Russland als Kolonialmacht
« am: 08. Oktober 2012, 01:09:57 »
Hallo,
ich habe mir für die Vorbereitung der Runde am Donnerstag ein paar Gedanken gemacht. Unter anderem, mit welchen Großmächten die Charaktere auf Reisen gehen können. Und genau da tut sich m. E. ein Logikproblem auf: Auf S. 18 steht lapidar:
Zitat
Die USA erwerben Alaska von Russland zum Spottpreis.
Die Frage, die sich mir dabei aufdrängt: Kurz vorher endete der Sezessionskrieg im Patt, und die Union kam damit aus dem Konflikt deutlich schwächer raus, als das in Wirklichkeit der Fall war. Würde der Verkauf von Russisch-Amerika unter diesen Umständen überhaupt stattgefunden haben? Zumal die Konföderation darin eine deutliche Stärkung der Union sehen dürfte. Die Antwort auf diese Frage ist natürlich auch maßgebend auf Russland Verhalten im Großen Spiel.

Dr. Seltsam

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Re: Russland als Kolonialmacht
« Antwort #1 am: 08. Oktober 2012, 12:16:25 »
Verehrte Ladys und Gentlemen,
meiner bescheidenen Meinung nach besteht in dem Fakt überhaupt kein logisches Problem. Allerdings könnte es sein, dass sich die Vorzeichen, unter denen der Verkauf stattgefunden hat leicht verändert.

Betrachten wir doch zunächst die Situation in jener spekulativen Welt, die nicht vom Äther durchflutet ist und die einige verwirrender Weise als Realität bezeichnen:

Das Zarenreich hatte faktisch keine nennenswerte Verwendung für Alaska. Der Zar hatte Sibirien. Das war schon kalt und unwirtlich genug, aber hierher konnte man immerhin Schienen für die Eisenbahn verlegen. Der einzige Grund, warum „der Russe“ Alaska militärisch hielt, bestand darin, die konkurrierende Macht Großbritannien fern zu halten, um nicht in die Zange zu geraten. Aus Sicht Russlands verursachte dieses Fleckchen Erde mehr Kosten als es nutzte. Für die Russen war es also eine naheliegende Idee, Eduard von Stoeckl in die USA zu schicken, um die Kontrolle Alaskas an einem „Subunternehmer“ zu übertragen, der für sie die Briten fern hielt.

Die Union selbst hatte mehrer Motive. Zum einen hatte man während des Krieges von den Russen sehr Profitiert und sah sich nun verpflichtet, hier einen Ausgleich zu leisten. Zum anderen hatte Washington so die Gelegenheit, das britische Kanada in die Zange zu nehmen und einen besseren Zugang zum Meer zu erhalten.
Tatsächlich dauerte es aufgrund der Folgen des Sezessionskrieges Jahrzehnte, bis die Union einen Nutzen aus  den neuen Gebieten schlagen konnte.

In unserer, ätherhaltigen Welt mag es sich so zugetragen haben:
Auch hier dürfte Russland in finanziellen Nöten gesteckt haben, diese Position bleibt also unverändert.
Nun kommen wir zur Union. Die Verpflichtung Russland gegenüber wird durch eine quasi Niederlage nicht erloschen sein. Im Gegenteil. Da der Konflikt weiterhin im Raum blieb, war der Druck sogar noch viel höher, sich den mächtigen Verbündeten warm zu halten, um auch bei einem wieder Aufflammen der Kämpfe auf ihn zählen zu können.
Außerdem vergessen wir nicht, das der Sezessionskrieg nicht nur die Befreiung der Sklaven zum Ziel hatte, sondern vornehmlich auch ein Wirtschaftskrieg war. Das Land, das man im Süden nicht gewinnen konnte, kaufte man also schließlich im Norden dazu. Da für die Briten die Besitzungen in Amerika von relativ geringer Bedeutung waren, erhoffte man sich vielleicht, diese später schlichtweg auch kaufen zu können.

Die Konföderation wird über diesen Kauf sicherlich mehr gelacht haben als alle anderen. Jedem war klar das Alaska ein Haufen Eis und Steine ist. Scherze wie „Präsident Johnsons Eisbärgarten“ oder Außenmeister „Sewards Gefriertruhe“ machten ja schon in den USA die Runde. Wer konnte ahnen, welche Reichtümer Alaska noch bereit hielt? Ich nehme an, das die Konföderierten diesen Kauf als zweiten Sieg bejubelten, bewies er doch, wie nötig es der, nach Land gierende Feind hatte, dem man so erfolgreich die Stirn geboten hatte.

Ich kenne das Gefühl, wenn etwas in einem Hintergrund den man ansonsten sehr mag nicht stimmig erscheint, es ist wie eine juckende Stelle, an die man nicht ran kommt. Ich hoffe ich konnte das Jucken mit diesen, leider nicht ganz so kurzen Ausführung lindern und dir Helfen, den Alaska-Kauf in deine Version der Geschichte zu integrieren.

Hochachtungsvoll

Dr. S

Orok

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Re: Russland als Kolonialmacht
« Antwort #2 am: 08. Oktober 2012, 13:13:00 »
Sehr schöne und stimmige Erklärung. Danke für diesen Beitrag Herr Doktor *Zylinder respektvoll lüpft*
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nikioko

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Re: Russland als Kolonialmacht
« Antwort #3 am: 10. Oktober 2012, 01:02:27 »
Das überzeugt mich jetzt auch. Danke. Thread geschlossen.

Orok

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Re: Russland als Kolonialmacht
« Antwort #4 am: 11. Oktober 2012, 07:21:04 »
*habe mir mal erlaubt die Beiträge u kombinieren*
Wie sieht es eigentlich mit diesem Thema aus? Immerhin gab es bei den Russen Schwarz und Ziolkowski, die zeitgleich oder sogar noch eher als Zeppelin die Idee für ein Starrluftschiff hatten. Bei Ziolkowski kommt hinzu, dass die nur das "Nebenprodukt" seine Theorien zum bemannten Weltraumflug war. Er erkannt die Notwendigkeit von Flüssigkeitsraketentriebwerken (noch bevor es diese gab), stellte noch vor Goddard die Raketengleichung auf und plante Weltraumstationen als ständig Wohnorte für Menschen im Weltraum. Während seine Ideen in der Realität erst nach der Oktoberrevolution gefördert wurden, könnte sich das in der Welt des Äthers drastisch ändern. Schließlich hat Zeppelin seine Luftschiffe im realen Leben auch erst deutlich später entwickelt und gebaut. Mit der Raketentechnik sind z.B. Flüge in die äußeren Regionen möglich, Weltraumstationen an den richtigen Orten (z.B. an den Lagrange-Punkten) könnten eine wetter- und rotationsunabhängige (sowie abhörsicherer, da sich Licht im Weltraum besser bündeln läßt) Kommunikation mit den planetaren Kolonien gewährleisten. Insofern hätten diese Ideen also plötzlich unmittelbare strategische Bedeutung und könnten demzufolge (ebenso wie Zeppelins Luftschiffe auf deutscher Seite) im Spaceversum auch vom Zaren gefördert werden. Und da in Sibirien auch ziemlich viele Bodenschätze lagern, hätte der Zar auch die finanziellen und materiellen Ressourcen, um diese Ideen in die Äthertechnologie einzubinden und zu verwirklichen. Also, was ist mit Russland als "solar player"? Ach so, ich habe das Regelwerk nicht, weiß also nur das, was ich auf diversen Veranstaltungen gehört habe.

Oh, meine lieben Ladys und Gentleman, da fühle ich mich doch direkt wieder auf den Plan gerufen. Selbstverständlich sind David Schwarz und Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski hervorragende Figuren, um im Jahre 1889 Verwendung zu finden. Alleine schon wegen dem Weltraumturm. Wobei Schwarz unter den Vorzeichen der Äther-Welt seine Dienste möglicherweise auch in Östereich-Ungarn umgesetzt hätte. Die Idee ruft auch einen weiteren meiner Lieblingswissenschaftler auf den Plan, den ich aber einstweilen unerwähnt lassen möchte, da ich ihn eventuell noch als Ass im Ärmel benötige.
Einstweilen empfehle ich, meinem Vorredner zu folgen und die beiden Fäden zusammen zu führen, damit wir nicht doppelt über alles reden müssen. Außerdem lege ich dem ehrenwerten Fragesteller wärmstens ans Herz, sich dieses durchaus gelungene Werk der spielerischen Literatur zuzulegen. Es wird ihn nicht nur informieren, sondern auch unterhalten.

Hochachtungsvoll

Dr. S.

Erstmal kann ich den Herrn Doktor nur in seiner Aufforderung unterstützen dir doch einmal dieses gut gelungene Regelwerk zuzulegen. Dann: Russland ist vielleicht nicht die reichste Nation, und hat statt zu kolonisieren lieber die eigenen Grenzen ausgedehnt (was im Nachhinein ja auch eine stabilere Lösung war), ist aber bei Space einer der "Solar Player" (schöner Begriff übrigens). Die Russen haben verschiedene Ätherschiffe, und Kolonien auf Mars und Venus. Auch technologisch sind sie wohl, zumindest teilweise, ganz vorne mit dabei. Über die Venus darf ich da wohl nichts verraten, aber man kann sich ja auch mal das alte Starterabenter "Inside of Luna" (?) ansehen. Dort ist ein russischer Wissenschaftler der erste der ein Schiff baut, das in dem Athmosphärelosen Schwerefeld des Mondes navigierbar ist.
Zu mehr Ausführungen fehlt mir leider gerade die Zeit, ich hoffe aber etwas beigetragn zu haben.

Orok
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nikioko

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Re: Russland als Kolonialmacht
« Antwort #5 am: 11. Oktober 2012, 12:09:28 »
Das Problem bei Russland habe ich eigentlich immer darin gesehen, dass es seit Peter I. zwar versucht hat, sich im europäischen Sinne zu modernisieren, das aber nie geschafft hat. In Russland ging der Feudalismus tatsächlich bis zu Oktoberrevolution.
Russland hat immer wieder brilliante Künstler und Wissenschaftler hervorgebracht, die große Menge des Volkes lebt aber in Armut. Im Grunde ist die Situation etwas vergleichbar mit dem heutigen Indien. Zudem haben die Russen ein riesiges Land, in dem sich aber noch immer wilde Turkvölker umhertummeln. Die Keimzelle des Reiches mag zwar recht zivilisiert sein, und es werden überall Kolonien hochgezogen und die Infrastruktur ausgebaut, um das Land regierbar zu machen, aber genau damit hat Russland gerade genug zu tun. Wladiwostok wurde 1860 gegründet, das ist ingame keine 30 Jahre her. Die reichen Rohstoffvorkommen Sibiriens müssen erst erschlossen werden. Außerdem braucht man eine Infrastruktur (Transsibirische Eisenbahn), um diese Rohstoffe ins Kernland zu bringen. Und von irgendwelchen wilden Tatarenhorden will ich mal gar nicht reden. Außerdem hat Russland häufig ausländische Experten angeheuert, z. B. Vitus Bering.
In der gegenwärtigen Situation wird Russland sich keine außerirdischen Kolonien zulegen, es sei denn, die kommen damit an Ressourcen, die sie sonst nicht bekommen können. Schließlich hat man sich gerade erst von Russisch-Amerika getrennt. Im eigenen Land gibt es aber noch viel zu tun. In Europa ist Russland sicher eine Großmacht, aber bedingt durch die Randlage (bis zum Nordischen Krieg hatte man keinen Zugang zur Ostsee) und das riesige Hinterland war man gezwungen, die eigenen Kolonisierungsbestrebungen nicht wie England, Frankreich oder Spanien per Schiff jenseits des westlichen Ozeans zu suchen, sondern zu Fuß vor der eigenen Haustür im Osten. Deshalb sind die russischen Kolonien auch nicht über den gesamten Erdball versprengt, sondern bilden ein zusammenhängendes Gebiet. Was für Russland den Vorteil hatte, dass sie man das Kolonialreich bis zum Zusammenbruch der UdSSR zusammenhalten konnte und auch heute noch den größten Teil der sibirischen Gebiete besitzt.
Um sich ein umfassendes Bild davon zu machen, wie damals die Situation in Russland war, lohnt es sich, Jules Verne zu lesen (Der Kurier des Zaren).

Nun zum technischen Aspekt: Da wir es bei Space 1889 mit Ätherflug zu tun haben, also einem Medium, das Licht und Gravitationswellen ausbreitet, durch das wir uns wie durch Wasser bewegen, besteht gar keine Notwendigkeit an Raketentechnik. Durch den Äther bewegt man sich mit Hilfe eines Ätherpropellers, ähnlich wie man sich mit einer Schiffsschraube durch Wasser oder einem Rotor durch Luft bewegt. Der Ätherpropeller wird, vereinfacht ausgedrückt, mit Solarenergie betrieben (allerdings nicht photoelektrisch, sondern durch Wärmewirkung), weshalb hier kein von außen zugeführter Energieträger notwendig ist. Das hat nur den Nachteil, dass die Sonnenenergie jenseits des Asteroidengürtels zu schwach wird, um damit den nötigen Dampf in den Kesseln zu erzeugen. Da wären natürlich Radionuklidbatterien oder zumindest schon mal Solarzellen, die einen Elektromotor antreiben, sicher günstiger, gibt es aber (noch) nicht.

Raumstationen an Lagrangepunkten sind sicher interessant, aber wozu eine Raumstation bauen, wenn man doch auf dem Planeten selbst landen kann? Selbst beim Gasriesen Jupiter kommen zumindest dessen Monde in Betracht. Ein weiteres Problem ist die Berechnung ohne Computer (ja, den gibt es auch noch nicht): Die Lagrangepunkte als n-Körper-Problem werden recht schnell kompliziert. Mit n=2 mag das noch gehen, aber ab n=3 wird es sehr kompliziert. Und da die meisten Planeten Monde haben, haben wir fast immer n > 2.

Sven

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Re: Russland als Kolonialmacht
« Antwort #6 am: 12. Oktober 2012, 18:16:23 »
Zum technischen Aspekt: Das der Ätherpropeller funktioniert heißt ja nicht, dass die Raketentechnik interplanetar nicht funktioniert. Man hat dann zwei technische Möglichkeiten, um das gleiche Ziel zu erreichen (man kann ja auch die Meere mit Segel- oder mit Dampfschiffen überqueren). So könnte man z.B. mit dem Ätherpropeller bis zum Asteroidengürtel fliegen und weiter dann mit Raketenantrieb, ganz ohne antike Phaetonentechnologie.

Russland könnte z.B. ein Großprojekt starten, um damit auch gleich den Aufbau der Infrastruktur in Sibirien anzukurbeln. Es werden Fabriken zur Verhüttung und Weiterveredlung von Eisenerz direkt vor Ort gebaut, um damit eine gewaltige Röhrenkonstruktion zu bauen. Teile der Fabrikanlagen werden dann dort mit hinein integriert. Wenn das Ding fertig ist, wird das Konstrukt von (gaaanz) vielen Ballons in die Höhe getragen (Edison mußte ja bei seinem ersten Flug auch erst mal auf die Mindesthöhe kommen, und das war doch wohl auch mit einem Ballon, da er ja noch kein Flugholz hatte). Dort werden dann Ätherpropeller gestartet. Das Ergebnis ist eine zwar langsame, aber voll mobile Raumstation, die Asteroiden ansteuert, um direkt vor Ort Rohstoffe zu fördern und weiter zu verarbeiten. Russland würde sich also nicht die Planeten schnappen, wo man mit den Einwohnern mehr als genug Probleme hat, sondern direkt die Rohstoffe, die durch das Sonnensystem kreisen (ganz zu schweigen von Hinterlassenschaften antiker hochentwickelter Kulturen). An Bord des Objektes wären dann ein paar hundert Techniker, Arbeiter, Soldaten und Wissenschaftler. Mit dem fertigen Metall können dann u.a. neue Stationen gebaut und an strategischen Punkten stationiert werden. Denn der Hinweis mit den L-Punkten (schwere Berechnung) ist zwar richtig, aber die Erde hat nun mal nur einen Mond, die Venus gar keinen. Aber gerade Erde und Venus sind für die Kommunikation mittels Lichtmorsen eher ungeeignet. Denn die Venus ist permanent von Wolken bedeckt, die  Ziele auf der Erde (britische Inseln, Europa) ziemlich häufig. Wenn nun der Zar kommt und sagt "gegen eine klitzekleine  8-) Gebühr könnt ihr codierte Nachrichten über unser Netz von Raumstationen senden und empfangen", da gäb es sicher Interessenten (und "Casablanca in Space" ;), denn jeder Nicht-Russe an Bord wäre höchstwahrscheinlich ein Spion, der Nachrichten überbringt, empfängt, stehen will etc.).

Dr. Seltsam

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Re: Russland als Kolonialmacht
« Antwort #7 am: 12. Oktober 2012, 20:25:36 »
Das hat mein Vorredner nikioko schon sehr Treffend zusammen gefasst. Allerdings möchte ich noch ein Paar Aspekte ergänzen.
So haben die imperialen Russen des 19. Jahrhunderts etwa eine Triebfeder die nicht zu unterschätzen ist. Neid! Sie neiden den Engländern ihr Empire und bewundern es gleichermaßen. Das Reich von Königin Viktoria dient ihnen als Maßstab und Nemesis zugleich. Das führt dazu, das praktisch alles was die Briten machen auch von den Russen nachgemacht wird, oder zumindest so ähnlich nachempfunden, wie sie mit ihren begrenzten Mitteln und Möglichkeiten eben dran kommen. Die Briten gründen Kolonien in Übersee? Na dann gründen wir eben Kolonien im Hinterland. Die Briten reisen auf den Mars? Na dann machen wir das Eben auch...
Dabei greifen die Zaristischen Russen gerne auf einen Rohstoff zurück, der ihnen mehr als den meisten anderen Nationen zur Verfügung steht: Russen! Wir haben nicht die Mittel für Hochentwickelte Fördermaschinen? Na dann schicken wir eben 1000 Strafgefangene in die Mienen! Wir haben keine vernünftigen Analysemaschinen für die Raumflug-Berechnungen? Na dann schicken wir eben drei Mathematiker mit jedem Äther-Schiff mit. Die Hefte unserer Gewähre funktioniert nicht? Dann schicken wir eben doppelt so viele Soldaten...
Dieses Streben nach Größe und Westlichen Standards sorgt dafür, dass Russland einige hervorragende Individuen hervorbringt, die oftmals mit ihrer eigenen Regierung nicht so grün sind, aber doch ihre Rolle einnehmen.
Die mittelmäßige Technologie verlangt außerdem oft zu improvisieren, was mehr oder minder zufällig auch zu einigen Innovationen führen kann. Warum nicht einen Weltraumturm bauen, wie es Ziolkowski andachte, wenn unsere Flugholzreserven für Luftschiffe begrenzt sind?

Dem werten Herren Sven muss ich an dieser Stelle noch einmal wärmstens ans Herz legen, sich mit dem Regelwerk auseinander zu setzen, da er sonst Gefahr läuft, das Rad neu zu erfinden. Anstatt zu spekulieren was man machen könnte, wäre es wohl gut, zu erfahren was bereits gemacht wurde und darauf aufzubauen.

Was das Argument angeht das Raketentechnologie trotzdem funktioniert, so muss auch hier leider widersprechen. Der erste Punkt ist, das im Ätheruniwersum offensichtlich andere Gesetze gelten, als im Nicht-Ätehruniversum. Der Beweis, dass hier Flüssigtreibstoff getriebene Raumfahrzeuge so funktionieren, wie wir es erwarten, muss erst noch erbracht werden. Der nächste Punkt ist, das sie Idee einer funktionstüchtigen Rakete einfach noch nicht in der Welt ist. Auch Ziolkowski braucht noch fast 20 Jahre, bis er diese Idee hat. In der Zwischenzeit, und das ist Punkt drei, ist die gewohnte Raumfahrt mit Atherpropeller nicht nur etabliert, sondern auch viel sicherer und Kosteneffizienter. Warum etwas neu erfinden, das bereits das und gut funktioniert? Das würde nur dann Sinn machen, wenn einem ein Wissen, oder ein besonderer Rohstoff fehlen würde, aber für Raketentechnik fehlen die erforderlichen Rohstoffe noch viel mehr, als für die Äthertechnick. Mal ganz zu schweigen von der Infrastruktur, die für das eine vorhanden ist, für das andere aber nicht.
Nicht zuletzt ist die Idee der Raketentechnologie schlicht nicht die „feine englische Art“, soll heißen sie passt nicht besonders in die Zeit.

Einstweilen schlage ich vor, Russland als das zu betrachten, was es war. Arm, aber hungrig nach Größe, voller einfacher Menschen aber auch gesegnet mit einigen großartigen Denkern. Ein Land auf der Schwelle zwischen liberalem El Dorado und dunklem Schurkentum.

Hochachtungsvoll

Dr. S.

nikioko

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Re: Russland als Kolonialmacht
« Antwort #8 am: 15. Oktober 2012, 19:50:04 »
Nachdem meine Spieler beschlossen haben, für die Kampagne Russen zu spielen, wird sich dieser Thread womöglich in nächster Zeit mit weiteren Fragen füllen. Zunächst einmal will ich ein Stadtabenteuer in Sankt Petersburg stattfinden lassen, in dem es um die Beschaffung eines Kunstgegenstands geht. Da wäre natürlich ein nächtlicher Einbruch in die Eremitage und eine anschließende Flucht über die Newa das erste, das mir in den Sinn kommt.
Weiß jemand von Euch, wie es im zaristischen Russland mit der Zugänglichkeit der Exponate aussah? Ein Museum wie im heutigen Sinn wird es ja wohl nicht gewesen sein, zumal der Winterpalast ja noch von der Zarenfmilie bewohnt war.
Selbstredend wird es dort einige archäologische Exponate geben, wahrscheinlich einige von Mars. Das soll der Aufhänger für die Kampagne werden.

Dr. Seltsam

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Re: Russland als Kolonialmacht
« Antwort #9 am: 15. Oktober 2012, 22:49:30 »
Das ist ein ausgesprochen stimmungsvolles Szenario. Da wäre ich gerne dabei. Es wird dich sicher freuen zu hören, dass die Eremitage 1889 bereits ein öffentlich zugängliches Museum war. Bereits in den 1850er Jahren hatte Zar Nikolaus die Sammlung in die Neue Eremitage ausgelagert, ein Anbau an den Winterpalast, der aber über einen eigenen, öffentlichen Zugang verfügte. Archäologische Artefakte werden sich hier mit Gewissheit finden lassen. Neben der Sammlung Napoleons ist bestimmt auch das ein oder andere Stück vom Mars dabei.

Als kleine Inspiration mag vielleicht auch ein Filmdokument helfen, dass unter dem Titel Russian Ark firmiert. Es ist im Äthernetz zu finden und liefert einen ausführlichen und lebensnahen (da über 90 Minuten in einer Einstellung dort gedrehten) Eindruck des Gebäudes und seiner Geschichte. Da es sich um eine Zeitreise handelt kreuzen wir auch das 19. Jahrhundert. Was könnte es zur Einstimmung in ein Unterfangen wie das eure besseres geben?

Hochachtungsvoll

Dr.S.

nikioko

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Re: Russland als Kolonialmacht
« Antwort #10 am: 27. Oktober 2012, 21:55:33 »
Das Abenteuer Donnerstag war ein riesiger Spaß. Die Spieler haben nicht damit gerechnet, dass ihre erste Aufgabe ausgerechnet ein Kunstdiebstahl werden würde. Danke übrigens für den Filmtipp, denn auch wenn ich ihn jetzt nicht gesehen habe, so habe ich zumindest einmal kurz durchgespult und mir Anregungen zur Inneneinrichtung geholt.

Orok

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Re: Russland als Kolonialmacht
« Antwort #11 am: 28. Oktober 2012, 09:18:25 »
Coole Sache. Wenn du Bock hast wäre zumindest ich sehr an einem Rundentagebuch interessiert. Wenn nicht, ist das auch verständlich, ich schaff das irgendwie auch nie ;)
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nikioko

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Re: Russland als Kolonialmacht
« Antwort #12 am: 29. Oktober 2012, 18:09:05 »
Oha, ich muss mal sehen, ob ich dafür Zeit finde. Ich muss ja auch noch die Abenteuer tippen. ;-)

nikioko

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Re: Russland als Kolonialmacht
« Antwort #13 am: 16. November 2012, 14:28:58 »
So, das Abenteuer für morgen nimmt Formen an. Thema ist eine ereignisreiche Zugfahrt von Sankt Petersburg nach Berlin. Und da Abteilwagen mit Außentüren, wie sie in Europa Standard waren, in einem fahrenden Zug ziemlich unspannend sind, habe ich mir den Anachronismus erlaubt, den D-Zug 3 Jahre bzw. den Nord-Express 7 Jahre nach vorn zu verlegen. So ist wenigstens der Kontakt zu anderen Passagieren und der Gang zum Speisewagen etc. möglich. Alles, was man für einen Mordfall braucht. ;-)