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Themen - Tanan

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Space: 1889 / Suffragetten in Space
« am: 14. Oktober 2012, 15:42:15 »
Als kleines Manko des Space 1889-Hintergrundes empfinde ich die krasse Benachteiligung von Frauen. Natürlich wird sie historisch korrekt dargestellt. Ein viktorianisches Setting mit vollständiger Gleichberechtigung der Geschlechter würde sich wohl komisch anfühlen(?). Und ja, Diskriminierung bietet immer auch rollenspielerische Möglichkeiten.

Aber ich kenne mehrere Spieler und Spielerinnen weiblicher Charaktere, die um Settings mit zu klarer Diskriminierung von Frauen einen Bogen machen. Sie fühlen sich zu limitiert in ihrer Charakterauswahl. Sie haben keine Lust, im Rollenspiel auf noch krassere Weise mit den gleichen überholten Rollenmodellen konfrontiert zu werden, die sie im realen Leben schon nerven.

Der Space 1889-Band von Uhrwerk ist durchaus vorbildlich, weil er die Thematik nicht ausspart, Möglichkeiten für weibliche Charaktere auslotet und z.B. ein Kapitel über außergewöhnliche Frauen der Zeit enthält. Mir geht das noch nicht weit genug. Schließlich reden wir hier von einem pseudohistorischen Setting. Viele Dinge haben sich anders entwickelt als in unserer Geschichte. Warum nicht ein paar Ereignisse der realen modernen Frauenrechtsbewegung um wenige Jahre nach vorne verlegen?
Besonders zwei Details aus der Welt von Space 1889 eignen sich als Aufhänger:

  • Die Kommunarden. In Space regieren 1889 immer noch die Kommunarden in Frankreich, die sich in Wahrheit nur einige Wochen des Jahres 1871 behaupten konnten. Unter den Kommunarden entwickelte sich aber die (laut Wikipedia) erste feministische Massenorganisation. Ihre bekannteste Mitstreiterin war die Anarchistin Louise Michel, die mit um Paris kämpfte. Ich fände es nur logisch, wenn es im sozialistischen Frankreich von 1889 bereits ein Frauenwahlrecht gäbe und die Gleichstellung der Frau dort viel weiter fortgeschritten wäre als in den Nachbarländern. (Das Regelbuch deutet das sogar an: Frauen dürfen in Frankreich studieren.) Zwar ist Frankreich in Space außenpolitisch eher isoliert. Aber einen Einfluss auf die Linke in anderen Ländern hätte das trotzdem. Man denke nur an die guten Argumente, die z.B. die SPD-Politikerin Clara Zetkin in Deutschland plötzlich an der Hand hätte. Denkbar wäre auch eine französische feministische Geheimorganisationen, die Frauenrechtsbewegungen in anderen Ländern unterstützt.
  • Die Marsianerinnen. Auf dem Mars ist die Gleichberechtigung offenbar viel weiter fortgeschritten. Man denke nur an die Steppenprinzessin aus den Archetypen, die sich über die Frauen des Roten Volkes lustig macht. Auch das muss eigentlich abfärben. Die Kultur der Marsianer wird von den Menschen zwar als unterlegen betrachtet. Manchem britischen Mann wird die Gleichstellung von Mann und Frau sogar als Beispiel für die angebliche Degenerierung der dortigen Gesellschaft dienen. Dennoch, selbst im Grundregelband ist von einzelnen Menschen die Rede, die die Kultur des Mars differenzierter betrachten. Gerade die Britinnen haben sich historisch im Kampf um die Frauenrechte verdient gemacht. Würde sie der Anblick einer funktionierenden Gesellschaft mit voll integrierten Frauen kalt lassen? Wohl kaum!
1903, also nur 14 Jahre nach 1889, gründete Emmeline Pankhurst in Großbritannien die Woman’s Social and Political Union. Fortan sprach man von den “Suffragetten”. Sie traten offensiv für ein Frauenwahlrecht ein und benahmen sich auch sonst nicht wie brave Mädchen. Zum Beispiel – Skandal, Skandal – rauchten sie in der Öffentlichkeit! 1889 war Emmeline Pankhurst 31 Jahre alt und hatte gerade die Women’s Franchise League gegründet, einem Vorläufer der WSPU. Würde sie nicht unter dem Eindruck der französischen und marsianischen Beispiele früher in breiten Kreisen Gehör finden?

Für mein Spiel wird die Antwort “ja” lauten! Die Suffragetten sind bereits seit Mitte der 80er Jahre in aller Munde und fordern die weitgehende rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau. Durch ihren und den französischen Einfluss erheben sich immer mehr Frauen auf der ganzen Welt. Auch einige kluge Männer erkennen, dass die Sache der Suffragetten gerecht ist.

Was bringt’s? Interessantere Frauencharaktere. Archetypen wie die Erfinderin sind gesellschaftlich nicht mehr so isoliert, sondern können sich auf eine große Bewegung berufen.

Was geht verloren? Nichts. Nicht jede Frau ist eine Suffragette und snobistische Ansichten bleiben unter viktorianischen Männern an der Tagesordnung. Die klassische Rollenverteilung ist noch überall zu finden und bleibt Teil des Rollenspielsettings. Sie ist nur nicht mehr das einzige, kaum hinterfragte Modell.

Fazit: Ich fordere Suffragetten in Space! 1889 war die Zeit von tollen Frauen wie Louise Michel, Clara Zetkin und Emmeline Pankhurst. Sie und ihre Mitstreiterinnen können den Hintergrund dieses Rollenspiels bereichern.

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